Gedanken zum Monat

Wolkenbürgschaft

Ich habe Heimweh nach einem Land, in dem ich niemals war,
wo alle Bäume und Blumen mich kennen, in das ich niemals geh,
doch wo sich die Wolken meiner genau erinnern,
ein Fremder, der sich in keinem Zuhause ausweinen kann.

Ich fahre nach Inseln ohne Hafen, ich werfe die Schlüssel ins Meer
gleich bei der Ausfahrt. Ich komme nirgends an.
Mein Segel ist wie ein Spinnweb im Wind, aber es reißt nicht.
Und jenseits des Horizonts, wo die großen Vögel am Ende ihres Flugs
die Schwingen in der Sonne trocknen, liegt ein Erdteil
wo sie mich aufnehmen müssen, ohne Pass, auf Wolkenbürgschaft.

Hilde Domin

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

dieses Gedicht steht zur Zeit auf einem großen Banner an der Tür der Dombibliotek, Domhof 30 und gehört zu einer Lyrikaustellung, die sich Hildesheimer Lesezeichen nennt. An 56 Standorten sind Gedichte von 37 Dichtern und Dichterinnen in der Stadt sichtbar. Alle unter der Überschrift „Heimat“. Mich hat dieses Gedicht sehr angesprochen.

Heimat können wir bis ins Letzte nicht selber herstellen, das Gefühl von Heimat, von zu Hause sein, wird uns auch immer zu einem Teil geschenkt – wie eine Wolkenbürgschaft.

Jesus selbst sagt uns zu, dass wir einen Platz in der ewigen Heimat bei Gott haben. Im Johannes Evangelium heißt es: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen und ich gehe, um eine für euch vorzubereiten…“. Was für eine schöne Zusage! Die Heimat im Himmel ist uns gewiss. Heimat hier auf der Erde muss jeder und jede für sich selber suchen und finden. Vielleicht helfen Ihnen bei der Suche die Gedanken der Gedichte, die in der Stadt zur Zeit verteilt sind. (www.hildesheimer-lesezeichen.de) Viel Freude beim Entdecken!

Claudia Scholz, Gemeindereferentin