Wort zum Monat
Ein hörendes Herz!
Der weise Salomo, dritter König im alten Israel, bat seinen Gott genau um ein solches Herz. Über diese ungewöhnliche Bitte ist schon viel geschrieben worden. Andere Herrscher hätten vielleicht um ein Volk gebeten, das auf ihn als König hört. Salomo aber es ging um eine eigene Fähigkeit, richtig zu hören. Und dieses Hören kennt zwei Richtungen: das sensible Wahrnehmen der Stimme Gottes und das Erkennen der Bedürfnisse seines Volkes.
Salomos erstaunliche Bitte erscheint wieder einmal als Lesungstext am letzten Sonntag im Juli (1 Könige 3,9).
Erstaunlich ist seine Bitte auch deshalb, weil es in biblischen Texten oft darum geht, dass Gott ein hörendes Herz haben möge. Psalm 102 etwa beginnt so: „Herr, höre mein Gebet! Mein Schreien dringe zu dir. … Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu.“ Eine solche Bitte ergeht im Vertrauen darauf, dass Gott ein hörendes Herz hat. Den Mitmenschen scheint es offenbar eher zu fehlen. Eines hörenden Herzens bedarf es in vielen unserer Lebensbereiche, nicht nur bei Regierungsgeschäften eines Königs. Es ermöglicht im Miteinander erst wahre Begegnung und Freundschaft.
In der Mitte des Jahres lohnt es wieder einmal, den Blick auf die eigenen Hörqualitäten zu richten. Sie helfen auf vielfältige Weise:
zum einen, den eigenen Weg zu finden in der Ausrichtung auf die Pläne Gottes;
zum anderen, um sich im sozialen Umfeld besser zu verstehen und zu verständigen,
und nicht zuletzt, um die lautlosen Schreie einer verletzten Menschheit und einer uns tragenden Natur wahrzunehmen.
Insofern ist gutes Hören Voraussetzung für gutes Handeln. Der Weg Jesu zeigt das auf vielfältige Weise. Sein Hinhören auf die Stimme des Vaters ermöglichte ihm, den Weg der bedingungslosen Liebe bis zum Ende zu gehen und den Menschen, denen er begegnete, hilfreich zur Seite zu stehen.
Die Urlaubszeit im Sommer bietet uns allen wieder Gelegenheit, mit mehr Zeit und Muße das aufmerksame Hinhören auf die Stimme Gottes und die unterschiedlichen Stimmen der Menschen zu üben. Das geht leichter in stressfreien Urlaubstagen und kann helfen, das Hören mit dem Herzen auch wieder mehr in unseren Alltag einziehen zu lassen.
Ruhige, erholsame Julitage, mit neuen Hörqualitäten und einer daraus erwachsenden Kraft zu beherztem Handeln, das wünscht Ihnen
Br. Christoph v. Netzer,
Klinikseelsorger

